Die Freundschaftsliebe

Freundschaften als Modell für die Liebe?

Liebe ist für uns meist mit etwas Wahnsinn verbunden, wir verlieren den Verstand und wundern uns später oft, in wen wir uns verliebt haben. So gehört die Desillusionierung zwangsläufig zur Verliebtheit dazu. Aber wir müssen dann nicht nur Enttäuschungen verkraften, auch die meisten Konflikte können ausarten, wenn wir zu leidenschaftlich handeln. Dann gibt es ewige Machtkonflikte und unproduktive Schallplattengespräche mit dem ewig gleichen Thema. Um diesen verhängnisvollen Mustern zu entkommen, sind Liebesbeziehungen auch auf den Verstand, auch auf eine genügende Sachlichkeit angewiesen. Deshalb wird seit etwa dreißig Jahren die Frage gestellt, ob nicht Freundschaften ein gutes Modell für die Liebe wären. Tatsächlich entstehen 50% aller Liebesbeziehungen sehr langsam, sie wachsen aus einer Freundschaft, in der man sich schon lange kannte. Tausend Mal berührt, tausend Mal ist nichts passt – heißt es in einem Schlager, doch plötzlich sieht man, wie wunderbar dieser Freund ist und verliebt sich. Und diese Freundschaftsliebe ist oft beständiger als die leidenschaftliche Liebe, die so romantisch und wild beginnt.

Es ist kein Zufall, dass bei sehr vielen Menschen Freundschaften wesentlich stabiler und auch langjähriger sind als ihre Liebesbeziehungen. Freundschaften sind tatsächlich oft ein Fels im Strudel des Lebens, sie sind verlässlich und belastungsfähig. Zwar weisen wissenschaftliche Studien darauf hin, dass die kameradschaftliche Bindung für eine Partnerschaft als solide Grundlage nicht ausreicht. Eine Liebesbeziehung muss auch über ein starkes erotisches Verlangen verfügen, damit ein Paar zusammenbleibt. Erst dann ergibt sich eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sich die Beziehung als stabil erweist. Die Bindekraft der Liebe besteht immer auch darin, dass Leidenschaft das Außergewöhnliche, die Überraschung, den Reiz des Neuen enthält. Doch die Freundschaft schafft eher ein Gefühl der Vertrautheit, der Beständigkeit. Dies reicht für die Liebe nicht aus, sollte aber die Basis einer Beziehung sein. Insofern stimmt es, dass glückliche Ehen auch auf einer tiefen Freundschaft beruhen. Dann besteht die Liebe im Kern aus einer Bereitschaft zum gegenseitigen Verstehen, zur Hilfsbereitschaft und der Fähigkeit, sich in schwierigen Zeiten beizustehen. Insofern ist es oft die Freundschaft, welche die Flamme der Liebe am Leben erhält.

Nun kann man die größere Stabilität der Freundschaften natürlich auf die größere soziale Distanz zurückführen. Wo man weniger erwartet, entsteht auch weniger Reibungsfläche, weniger Streit. Und genau diese größere Distanz, die größere Abgeklärtheit in Freundschaften könnte auch ein Vorbild für Liebesbeziehungen sein. Dies würde konkret bedeuten, dass wir weniger abhängig wären voneinander und uns unsere Partnerschaften besser aussuchen würden. Freundschaften würden in diesem Liebesmodell als Ergänzung zur Partnerschaft eine große Rolle spielen. Dann würden wir vielleicht auch lernen, wechselseitig besser miteinander umzugehen. Mir sagte ein guter Freund: „Bei den Freundschaften war ich immer wählerisch. Ich habe sehr genau geschaut, ob ich unterstützt werde, ob man mir zuhört – ich habe mich sehr schnell zurückgezogen oder habe es angesprochen, wenn etwas über längere Zeit nicht stimmte. Ich habe vieles wesentlich deutlicher mitbekommen, war in meinem Verhalten viel eindeutiger und radikaler. Vielleicht lag es daran, dass nicht so viel Nähe da war, dass ich nicht so abhängig war von der Zuneigung. Das habe ich nach der letzten Trennung gemerkt, als mir meine frühere Partnerin eine Freundschaft vorschlug. Ich habe dem trotz mancher Seelenschmerzen zugestimmt. Schon während der Beziehung dachte ich manchmal, ich wäre lieber mit ihr befreundet. Sie hat mich immer viel schlechter behandelt als ihre Freunde.“

Dr. Wolfgang Krüger, kostenloser Abdruck bei Erwähnung des Buches
‚Freundschaft: beginnen, verbessern, gestalten‘

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